Papageienschutz aktuell-Beiträge

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Letzter wild lebende Spix-Ara verschwunden!

Wie die brasilianische Umweltbehörde (IBAMA) im Dezember 2000 mitteilte, ist der vermutlich letzte, in freier Natur lebende Spix-Ara (Cyanopsitta spixii) seit Anfang Oktober 2000 verschwunden. Gelebt hat der Spix-Ara, ein etwa 19 Jahre altes Männchen, in den Galeriewäldern entlang des Flusses Rio-São-Francisco in der Re- gion Curaça im Nordosten Brasiliens. Es muss davon ausgegangen werden, dass der Spix-Ara zu Tode gekommen ist, möglicher- weise durch einen Greifvogel. Solange keine weiteren frei le- benden Spix-Aras entdeckt werden, muss der natürliche Bestand dieser Papageienart als ausgestorben gelten. In menschlicher Obhut sollen etwa 60 Spix-Aras leben.

Der Spix-Ara galt seit seiner erstmaligen wissenschaftlichen Be- schreibung im Jahre 1819 durch die Zoologen J. B. von Spix, nach dem er später benannt wurde, und C. F. P. Martius als eine äußerst seltene Papageienart. Sein Körpergefieder ist graublau. Das Ge- fieder an der Stirn und an den Kopfseiten ist grauer, das Flü- gelgefieder dagegen kobaltblau. Der Spix-Ara hat sehr lange Schwanzfedern und einen im Verhältnis zur Körpergröße kleinen Schnabel. Die Gesamtlänge beträgt etwa 60 cm.

Da seit seiner erstmaligen wissenschaftlichen Beschreibung nur wenige Informationen über seine natürliche Lebensweise und sei- ne natürlichen Lebensräume gesammelt worden waren, entschied sich der Biologe, Dr. Roth von der Universität São Luis, Brasilien, zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, ein For- schungsprojekt über die seltenen Vögel durchzuführen.
Im Rahmen dieses Forschungsprojektes unternahm Dr. Roth zwi- schen 1985 und 1988 Expeditionen in verschiedene Regionen Bra- siliens, die als Siedlungsgebiete des Spix-Aras galten.
Einen Nachweis für das Vorkommen dieser Art konnte er jedoch nur für die Region Curaça im Nordosten Brasiliens erbringen. Auf Expeditionen, die Dr. Roth in den Jahren 1986 und 1987 in diesem Gebiet durchführte, war es ihm möglich, mehrere Male eine Grup- pe von drei Spix-Aras zu beobachten.
Durch Befragung der Einwohner konnte Dr. Roth rekonstruieren, dass die drei zu beobachtenden Spix-Aras der klägliche Rest einer einstmals starken Population in der Region Curaça waren. Nach Angaben älterer Bewohner der Region muss die Population zu Beginn des 20. Jahrhunderts 30 oder mehr Paare umfasst haben. Der Niedergang dieser Population setzte in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein.
Mit steigender Nachfrage nach Papageien für die Haustierhaltung war die Spix-Ara-Population in immer stärkerem Maße profes- sionellen und spezialisierten Vogelfängern ausgeliefert. Wie sehr begehrt der seltene Spix-Ara als Haustier und Statussymbol war, zeigt die Tatsache, dass zu Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in Brasilien für einen Hyazinth-Ara 50 Dollar, für ei- nen Spix-Ara aber 2000 Dollar auf dem Schwarzmarkt gezahlt werden mussten.
Die steigende Nachfrage führte auch zu einem Wandel der Fang- methode. Während anfangs vor allem die Jungvögel aus den Ne- stern geraubt wurden, begannen die Fänger später mehr und mehr, auch Altvögel zu rauben. Sie wurden entweder mit Leim- ruten oder zusammen mit ihren Jungen in der Bruthöhle gefangen.
Da es Dr. Roth gelang, auch Fänger zu befragen, war er in der Lage, das Ende der Spix-Ara-Population in Curaça recht genau nachzuzeichnen.
In den Jahren 1977 bis 1984 wurden mindestens 9 – mit einiger Sicherheit aber mehr – Tiere aus der Population geraubt. In den Jahren 1984/85 wurden weitere 10 bis 12 Tiere geraubt, davon 7 Altvögel. Da 1985 ein weiterer Spix-Ara aus Freude an der Jagd getötet wurde, verblieb eine Restgruppe von 4 Tieren. Als Dr. Roth 1986 seine erste Expedition in die Region unternahm, konnte er noch 3 Spix-Aras beobachten. Im Jahre 1987 verschwand ein weiteres Tier, die beiden übriggebliebenen Spix-Aras wurden zur Jahreswende 1987/1988 geraubt.
Im Juli 1990 wurde dann überraschend das Spix-Ara-Männchen in der Region Curaça gesichtet, das dort gut behütet und unter stän- diger Beobachtung ein Jahrzehnt überleben konnte bis es im Oktober 2000 verschwand.
In der Auswertung seiner Forschung kam Dr. Roth zu der ein- deutigen Schlussfolgerung, dass die Zerstörung der Curaça-Popu- lation eine Folge der Nachfrage nach Spix-Aras zur Haustierhaltung war. Begünstigt wurde die relativ schnelle Zerstörung der Populati- on durch den Umstand, dass nach Auskunft von Papageienfängern die Bruterfolge der Spix-Aras in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts nur sehr gering waren.

Hierfür verantwortlich waren die aus Afrika nach Brasilien ein- geschleppten Killer-Bienen, die sich zunehmend in den traditi- onellen Nisthöhlen der Spix-Aras niederließen oder die Vögel bei der Brut störten und sogar töteten.

Der Lebensraum der Spix-Aras in der Region Curaça

Hier ist das Klima gleichmäßig warm, die Temperaturen liegen bei 24º C bis 26º C. Die Trockenzeit dauert acht Monate, von Mai bis Februar.
In weiten Teilen des niederschlagsarmen Nordosten Brasiliens, so auch in der Region Curaça, ist die Vegetation der Dornbuschsteppe zu finden‚ die ‚Caatinga‘ genannt wird.

Die Baumschicht ist offen und licht, sie erreicht eine Höhe von et- wa 5 bis 15 m. Unterhalb der Baumschicht befindet sich eine dichte Strauchschicht bis 5 m Höhe, sowie eine Busch– und Grasschicht mit einer Höhe von 2 m und mehr.
Charakteristisch für diese Vegetation sind neben dem immergrü- nen ‚Joazeiro‘ (Ziziphus joazeiro) Wolfsmilchgewächse.
In diesem Zusammenhang sind die ‚Favela‘ (Cnidosculus phylla- canthus) und der ‚Pinhão‘ (Jatropha sp.) besonders wichtig, weil sich die Spix-Aras im Wesentlichen von den Früchten und Samen dieser beiden Pflanzenarten ernährt haben.
Die Region Curaça wird von zahlreichen kleineren Wasserläufen durchzogen, die saisonabhängig mehr oder weniger Wasser führen oder zum Teil ganz austrocknen. An den Rändern dieser Wasser- läufe gibt es einen, die umgebende Caatinga-Vegetation über- ragenden Baumbestand, der als Galeriewald bezeichnet wird.

Die hier typischerweise wachsenden Baumarten sind der ‚Flaschen- baum‘, der eine Höhe von 30 m erreichen kann, und die ‚Craibeira‘ (Tabebuia caraiba). Insbesondere die Höhlen in alten Craibeira-Bäumen dienten den Spix-Aras zum Nisten.

Die Lebensweise der Spix-Aras in der Region Curaça

Aufgrund der geringen Anzahl zu beobachtender Spix-Aras blieben die Erkenntnisse, die Dr. Roth im Rahmen seines Forschungspro- jektes über die Lebensweise dieser Tiere gewinnen konnte, not- wendigerweise beschränkt. So konnten keine Einsichten mehr in das Schwarm- und Paarverhalten der Spix-Aras gewonnen wer- den.
Dennoch sind die von Dr. Roth gemachten Beobachtungen über die Lebensweise der Spix-Aras außerordentlich wichtig, geben sie doch einen Anhaltspunkt, der erklären kann, weshalb es den Vogel- fängern möglich war, die Population in der Region Region Curaça und möglicherweise auch Populationen in anderen Regionen Bra- sliens in relativ kurzer Zeit vollständig zu zerstören.
Es wurde beobachtet, dass die Spix-Aras ihre Sitz– und Schlaf- plätze in hohen Craibeira-Bäumen wählten. Sie suchten sich die höchsten und meist unbelaubten Äste aus, um einen weiten Blick zu haben. Die einmal ausgewählten Bäume und die innerhalb des jeweiligen Baumes ausgesuchten Sitzplätze wurden stets beibe- halten. Waren die Sitzplätze von anderen Vögeln besetzt, z. B. von Rotrückenaras, die auch in der Region Curaça vorkommen, wur- den diese von den Spix-Aras vertrieben. Auch die Flugwege zwischen den Sitzbäumen und den Nahrungsgründen wiesen eine hohe Konstanz auf.

Desgleichen benutzten Spix-Aras über viele Jahre immer wieder die gleichen Baumhöhlen, vorzugsweise in Craibeira-Bäumen, zur Brut. Einheimische erzählten Dr. Roth von einer Bruthöhle, die von Spix-Aras über 50 Jahre lang benutzt worden sei. Diese extrem ausgeprägte Reviertreue wurde den Spix Aras zum Verhängnis: Die Voraussehbarkeit ihres Verhaltens machte es den Vogel- fängern leicht, sie einzufangen.
Die Erkenntnisse, die Dr. Roth im Rahmen seines Forschungs- projektes gewinnen konnte, haben die Spix-Population in der Region Curaça zwar nicht mehr vor der Zerstörung schützen kön- nen, diese Erkenntnisse werden jedoch für das angestrebte Vor- haben, Spix-Aras, die zur Zeit noch in der Gefangenschaft leben, wieder auszuwildern, von großer Bedeutung sein.

H.H.Braune | 12.08.2001
Quellen: Paul Roth; Der Spix-Ara Cyanopsitta spixii,
in: Papageien, Nr. 3/1990 u. 4./1990
(Der Artikel erschien unter dem Titel ‚Letzter wild lebende Spix-Ara verschwunden!‘ erstmals im ‚Freiflug’, Nr. 2/2001.)

 

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