Papageienschutz aktuell-Beiträge

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Lebenskünstler Blaukopfara – wie gefährdet ist sein Bestand? (Forts. 1)

In Gefangenschaft liegt die Gelegegröße des Blaukopfara bei 2-4 Eiern. In einer in Gefangenschaft lebenden Population in der Loro Parque Foundacion, Teneriffa, Spanien, lag die mittlere Gelege- größe von insgesamt 14 Gelegen bei 3 Eiern. Die Paare hatten hier durchschnittlich 1 Gelege pro Jahr. Das mittlere Alter der Vögel beim ersten Brüten lag im Mittel bei 4 Jahren (Bereich 2,5-5,0 Jah- re). Auf diese Weise entstand aus zwei Paaren, die zur Zucht in den 1990er Jahren aufgenommen wurden, eine Population von 35 Tieren in nur sieben Jahren. Die Lebensdauer der Tiere ist unbe- kannt. Der zur gleichen Art gehörende Rotrückenara (Primolius maracana) kann in Gefangenschaft mindestens 31 Jahre alt wer- den. Die Daten zum Reproduktionserfolg und zur Lebensdauer müssen durch Studien an wild lebenden Vögeln noch bestätigt wer- den. Auf Basis der Befunde zum Alter beim ersten Brüten sowie zu Lebensdauer und Produktivität gehen die Autoren von einem Ver- hältnis von Erwachsenen zu Jungtieren von etwa 4:1 beim Blau- kopfara aus.
ten Auftretens der Vögel an einzelnen Orten keine Rückschlüsse auf die Entwicklung der gesamten Population zu und müssen daher vorsichtig interpretiert werden, solange keine lückenlosen Daten über das ganze Jahr hinweg vorliegen.

Populationsgröße und -entwicklung

Werden die minimalen Populationsdaten an jedem einzelnen Ort addiert, ergibt sich bereits eine geschätzte Gesamtpopulation von mindestens 545 Individuen. Dies ist aus mehreren Gründen jedoch eine Unterschätzung der tatsächlichen Bestände, da wiederholte Sichtungen an der gleichen Stelle häufig auch verschiedene Vögel beinhalten. Außerdem wird über viele Sichtungen nie berichtet und die von Experten besuchten Gebiete repräsentieren nur einen sehr geringen Anteil des gesamten Verbreitungsraums. Die verläss- lichsten Daten zur Populationsdichte stammen von systematischen Zählungen an fünf Beobachtungspunkten in Peru. Hier konnte im Durchschnitt ein Tier alle 2-10 Stunden beobachtet werden.

Auszug aus der Diskussion im BirdLife-Forum zur Veröffentlichung von Tobias und Brightsmith (6)
Nach Erscheinen des Artikels von Tobias und Brightsmith wurde im BirdLife-Forum eine kontroverse Diskussion über die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Autoren geführt. Neben den Autoren selbst äußerten sich Alan Lee, Wissenschaftler an der Manchester Metropolitan University, Großbritannien, und Jamie Gilardi, Vorsitzender des Worlds Parrot Trust.
Alan Lee schließt sich im Wesentlichen der Meinung der Autoren an. Seiner Ansicht nach erfüllt der Blaukopfara die Kriterien für eine Rote-Liste-Einstufung als „gefährdet“, da er in einem regional begrenzten Gebiet lebt, das einer zunehmenden Bedrohung durch die Gas-Industrie, Minen und Abholzung ausgesetzt ist. Er betont, dass eine Abnahme der Populationsgröße zwar nicht belegt ist, dass die Daten aber immer noch in vielerlei Hinsicht unzureichend sind, insbesondere in Bezug auf das Brutverhalten und die Häufigkeit der Vögel in verschiedenen Habitaten innerhalb ihres Verbreitungsgebietes.
Joseph Tobias, einer der Autoren, bestätigt in seiner Antwort, dass die Populationsgröße immer noch unklar ist. Allerdings spräche die breite Streuung der Sichtungen (einschließlich einiger großer Schwärme) dafür, dass der Bestand die Grenze für die Kategorie „stark gefährdet“ in der Roten Liste übersteigt und der Blaukopfara daher auf die Kategorie „gefährdet“ zurückgestuft werden sollte. Diese Herabstufung sollte mit der Einschränkung erfolgen, dass die Datenlage unzureichend ist und zukünftige Untersuchungen evtl. eine erneute Änderung der Klassifikation zur Folge haben könnten.
Für Jamie Gilardi lässt die Forschungsarbeit von Tobias und Brightsmith einige wichtige Fragen offen. Folgende Punkte müssten nach seiner Auffassung durch die Autoren näher erläutert und begründet werden:
1) Insbesondere die Aufzeichnungen über das Vorkommen der Vögel in den letzten Jahre sollten zusammengetragen werden, um auf eine sinnvolle Schätzung der aktuellen Bestände zu kommen.
2) Gilardi bezweifelt, dass die Schätzung der Populationsgröße des Blaukopfara durch die Autoren mit Hilfe verschiedener Annahmen und Hochrechnungen auf einer soliden Basis steht. Hiergegen spricht bereits, dass der Blaukopfara zu selten vorkommt, um ihn mit Standardmethoden zur Zählung von Papageien zu erfassen. Weiterhin ist von vielen Papageien, insbesondere Aras, bekannt, dass sie sich häufig zu großen Ansammlungen zusammenfinden, diese aber keine Aussagen über die Bevölkerungsdichte erlauben. Daher bittet Gilardi die Autoren darum, ihre Überlegungen näher zu erläutern, die zu der Aussage geführt haben, dass nach konservativer Schätzung etwa ein erwachsener Blaukopfara auf 10-50 km2 zu finden sei.
3) Die Behauptung, dass alle Blaukopfaras vermutlich zu einer einzigen Population gehören, basierend auf der Tatsache, dass die in der Ebene vorkommenden Vögel mit den in Gebirgsausläufern beobachteten Populationen offensichtlich eng benachbart sind, sollte ebenfalls begründet werden. Hier stellt sich für Gilardi die Frage, welche Kenntnisse über die Mobilität der Aras tatsächlich gesichert sind und inwieweit Übereinstimmungen ihrer genetischen Struktur mit den von den Autoren als Vergleich herangezogenen größeren und viel häufiger vorkommenden Gelbbrustaras bestehen. Welche Evidenz besteht außerdem dafür, dass die Tiere sich zwischen Wasserwegen bewegen?
4) Gilardi hinterfragt außerdem, wie die weite Streuung der Sichtungen zu interpretieren ist. Handelt es sich bei den verstreuten und gelegentlichen Sichtungen um in dem Gebiet ansässige Vögel oder handelt es sich nur um vorüber ziehende Aras? Sind es nicht-brütende Tiere? Erfreulich ist, dass es einige wenige Orte gibt, an denen die Vögel konstant zu beobachten sind. Dennoch fordert Gilardi, die mehrheitlich beschriebenen Beobachtungen und Sichtungen im Verbreitungsgebiet des Blaukopfara richtig zu deuten. Wie selten muss ein großer, lauter und flugstarker Ara wie dieser in einem bestimmten Gebiet sein, damit sein Vorkommen dort nicht mehr als selten (aber dort ansässig) gewertet wird. Es könnte sich auch um einen vorüber ziehenden nicht in dem Gebiet ansässigen Vogel handeln. In diesem Falle wäre die Aufzeichnung einer Sichtung kein Indikator für das Verbreitungsgebiet des Blaukopfara.
Autor Don Brightsmith äußert sich nur kurz hierzu. Er bestätigt, dass er die Entscheidung einer Herabstufung des Blaukopfara von „stark gefährdet“ auf „gefährdet“ befürwortet. Die wissenschaftlichen Argumente hierfür seien in seiner Publikation mit J. Tobias dargelegt. Besonders bemerkenswert ist seiner Ansicht nach, dass der Blaukopfara nicht durch lokale Gemeinden und große menschlichen Ansiedlungen verdrängt wurde, sondern noch immer in den Randbezirken der größten Stadt der Region (Puerto Maldonado) anzutreffen ist. Für ihn ist dies ein Indiz dafür, dass die Abnahme des Bestandes des Blaukopfaras nicht primär auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen ist. Für andere Gebiete mag dies nicht zutreffen, aber seiner Meinung nach liegen keine Information vor, dass die Spezies aus einem Gebiet verschwunden ist.
Jamie Gilardi dankt Don Brightsmith für die Kommentare. Der Verweis von Brightsmith darauf, dass die Begründung für die Bestandsschätzungen in der Publikation dargelegt wurde, nimmt er zum Anlass noch einmal die hierfür verwendeten Basisdaten und Hochrechnungen aus der Veröffentlichung kritisch zu beleuchten:
1) Die Autoren gehen zunächst von der von BirdLife publizierten Zahl von 2.499 Vögeln und einem Verbreitungsgebiet von 373.000 km2 aus. Die Zahlen von BirdLife lagen bei 1.000-2.499 Tieren und basieren auf sehr wenigen Daten. Zur Berechnung des Ver- breitungsgebietes wurden lediglich auf einer Landkarte Linien um historische Sichtungsorte von Blaukopfaras gezogen. Dem- entsprechend liegt diesen Daten keine wissenschaftliche Basis zugrunde.
2) Zu diesen Birdlife-Statistiken wurden von den Autoren Berichte über Sichtungen hinzugefügt, die das Verbreitungsgebiet des Aras erweitern. Die Autoren haben die höhere Zahl der Populationsgröße, nämlich 2.499 verwendet, die zu einer berechneten Popu- lationsdichte von einem Vogel je 150 km2 führte. Unter Zugrundelegung des neu berechneten Verbreitungsgebietes resultiert eine beeindruckend niedrige Populationsdichte von nur einem Tier je 184 km2. Wären beide Werte der ursprünglich angegebenen Bestandszahlen von 1.000-2.499 Tieren, verwendet worden, läge die Populationsdichte sogar nur bei einem Vogel je 184 km2 bis einem Vogel je 460 km2. Hierbei handelt es sich definitiv um ein wenig Mathematik, jedoch keinesfalls um Wissenschaft.
3) Im nächsten Schritt bringen die Autoren zwei verschiedene Arten von Information zusammen: Die Anzahl der Vögel je Sichtung und gelegentlich beobachtete große Schwärme. Hieraus schlussfolgern sie: „Diese Schätzungen sind offensichtlich zu niedrig, angesichts der Tatsache, dass an den meisten Orten über mehrere Individuen berichtet wurde und an zwei Orten Schwärme von 50-60 Individuen beobachtet wurden.“ Wie wir alle von vielen verschiedenen neotropischen Papageien wissen, und insbesondere von Aras, können selbst unglaublich seltene Arten unglaublich gehäuft an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten auftreten. Tatsächlich ist es gut möglich, dass die gesamte Population des Maronenstirn-Sittichs zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem einzigen Ort anzutreffen ist. Sogar der Lear-Ara bildet beeindruckende Zusammenkünfte, bei denen ein wesentlicher Anteil der noch verbliebenen Population auf einmal beobachtet werden kann. Selbstverständlich wird auch aus dieser besonderen von den Autoren dargestellten Beobachtung nichts eindeutig ersichtlich und eine wissenschaftliche Basis lässt sich nicht erkennen.
4) An diesem Punkt bringen die Autoren uns zurück zu einer „früheren Schätzung der Gesamtpopulation“, einer wunderbar runden Zahl von 10.000. Wie die Autoren wissen, gab es in den frühen 1990er Jahren eine Versammlung von sehr sachkundigen Papageien- experten, die aufgefordert wurden, die weltweite Häufigkeit vieler sehr seltener Papageien zu schätzen, erst dann dürften sie sich beim Abendessen ausruhen (Gilardi betont, dass er sich diese Geschichte nicht ausgedacht hat). Vielleicht haben die Experten gut geschätzt, vielleicht auch nicht, aber alle waren sich darüber bewusst, dass es eine Schätzung war und niemals wissenschaftlich ermittelte Zahlen. Daher stammt also die Zahl 10.000.
5) Aus irgendwelchen Gründen haben Tobias und Brightsmith diese Zahl als angenehmer erachtet (1 Vogel auf 46 km2), und ge- schlussfolgert, dass sie realistischer aber immer noch niedrig erscheint.
6) Nachdem die Autoren zugeben, dass es keine publizierten Schätzungen der Populationsdichte gibt und noch einige nicht mit dem Blaukopfara in Zusammenhang stehende Populationsdichten anderer Papageienarten erwähnen, schlussfolgern sie, dass ein Bestand von einem erwachsenen Tier je 10-50 km2 eine „konservative“ Schätzung sei. Man beachte, dass die Autoren eine Phantasiezahl aus Schritt 4 verwenden, diese um mehr als das 4-fache reduzieren und dann obendrein noch die Beschreibung „erwachsene Individuen“ hinzufügen. Gilardi kann hierin weder einen Prozess erkennen, der einer „konservativen Schätzung“ entspricht noch auch nur den Ansatz von Wissenschaft.
Dies alles heißt aber überhaupt nicht, so Gilardi, dass die Analysen der Autoren falsch sind. Möglicherweise sind sie korrekt und aus den richtigen oder falschen Gründen sogar überaus konservativ. Aber wenn darüber entschieden werden soll, wie selten der Blaukopfara tatsächlich ist und damit eine Basis für fundamentale Prioritäten beim Bestandsschutz gelegt wird, sollten unsere An- forderungen an die Sorgfalt und Wissenschaftlichkeit in der Praxis durchaus hoch sein.

Bewegungsverhalten

Daten zum Bewegungsverhalten von Blaukopfaras sind nur in geringem Maße vorhanden. An verschiedenen Orten werden die Tiere dauerhaft während der meisten Monate des Jahres beobachtet, wenngleich die Gesamtzahl saisonal schwanken kann. Auch an den Lehmlecken schwankt die Anzahl der Tiere saisonal. Ihr Auftreten an Orten im südöstlichen Peru wurde als unbeständig beschrieben. Es wurde auch vermutet, dass die Populationen möglicherweise einer Art Nomadentum unterliegen, wie es von großen Aras und anderen Papageien der Region bekannt ist, die über weite Strecken wandern, um dem Futterangebot zu folgen. Für den Blaukopfara lässt sich schlussfolgern, dass seine Populationsdichte zwar saisonal variiert, dass er sich offensichtlich jedoch nie komplett aus einer Region zurückzieht. Demnach lassen Beobachtungen eines selteneren Vorkommens oder eines gehäuf-

Bei anderen Studien in Peru wurde an Beobachtungspunkten no- tiert, welche von insgesamt 20 Spezies gesichtet wurde. Hierbei wurde der Blaukopfara immerhin in einem Viertel von insgesamt 210 solcher Listen genannt. Nur drei andere Papageienarten wur- den genauso häufig aufgelistet. Diese Daten lassen zwar keine ge- nauen Rückschlüsse auf die Populationsdichte zu, die Autoren lei- ten aber auf Basis dieser Daten und früherer Schätzungen ab, dass in einem Gebiet von 10-50 km2 durchschnittlich ein er- wachsener Blaukopfara anzutreffen ist. Dies entspricht bei einem Verbreitungsraum von 460.000 km2 einer vorsichtig geschätzten Population von 9.200-46.000 erwachsenen Individuen. Bezieht man die Jungvögel mit ein und legt das geschätzte Verhältnis von erwachsenen Tieren zu Jungvögeln mit 4:1 zugrunde, so kommt man auf eine Gesamtpopulation von 11.500-57.500 Individuen.

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