Papageienschutz aktuell-Beiträge

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Einfluss von Rufdialekten auf die Paarkommunikation

Gelbnackenamazonen (amazona auropalliata) zeigen in den je- weiligen von ihnen besiedelten Lebensräumen und Territorien unterschiedliche Rufdialekte, d. h. ihre Rufe weisen in den von ihnen bewohnten Gebieten unterschiedliche Lautstrukturen auf.

Das im Folgenden beschriebene Forschungsprojekt (1) wurde von Timothy Wright und Melinda Dorin im Dezember des Jahres 1995, also ca. einen Monat vor Beginn der Eiablage, im Nordwesten Costa Ricas in der Provinz Guanacaste durchgeführt und doku- mentiert die Reaktionen von insgesamt 11 Nistpaaren der Gelbnackenamazonen-Spezies auf Tonaufnahmen von Paarrufen verschiedener Dialekte.

Der natürliche Lebensraum der Gelbnak- kenamazone (amazona auropalliata) er- streckt sich von Südwest-Mexiko bis Costa Rica.

Diese Art von Experimenten ist für die Erforschung und zum Verständnis der Dial- ektbedeutung bei Papageienarten von großer Wichtigkeit. Zwar wurden bereits zahlreiche Forschungsprojekte dieser oder ähnlicher Art bei verschiedenen Singvogelarten durch- geführt, die Dialektbedeutung bei Papageien ist allerdings bislang weitgehend unerforscht und somit unklar.

Die den Testpaaren präsentierten Tonaufnahmen lassen sich in insgesamt drei Klassen unterteilen:

  • Aufnahmen von Paarduetten an Schlafplätzen im Dialektgebiet der Testpaare, in einer Entfernung von ca. 3 km
  • Aufnahmen von Paarduetten an Schlafplätzen im Dialektgebiet der Testpaare, in einer Entfernung von max. 20 km
  • Aufnahmen von Paarduetten aus fremden Dialektgebieten, in einer Entfernung von mind. 20 km

An den Schlafbäumen der Gelbnackenamazonen treffen zu be- stimmten Zeitpunkten zwischen 50 und 300 Tiere zusammen. Sie dienen ihnen nicht nur als Schlafplatz sondern auch als Nistplatz und somit zur Eiablage und zur Jungenaufzucht. Unter Paarduetten ist in diesem Falle die Lautäußerung eines Paares von er- wachsenen Gelbnackenamazonen zu verstehen. Diese Duette bestehen aus der wechselseitigen, wiederholten Äußerung art- spezifischer Laute. Sie dienen sowohl zur Herstellung von Kon- takten zwischen den Paarmitgliedern als auch zur Kontaktierung von benachbarten Tieren und kommen nicht nur phasenweise sondern permanent vor.

Die Aufnahmen der Paarduette wurden den 11 Testpaaren an insgesamt 3 Orten, nämlich Pelon Altura, Horizontes und Pelon Bajura, wie folgt präsentiert: Zuerst wurden verschiedene Duette von Paaren, die sich in der Nähe der Nester der Testpaare auf- hielten, an jedem der 3 Orte aufgenommen. Danach wurden von jedem Aufnahmeort je 2 Duette des selben Paares ausgewählt, so dass die Forscher insgesamt 6 so genannte Stimuli für ihre Tests erhielten. Ein Stimulus bestand also aus 2 Duetten. Diese aufgenommenen Duette wurden nun verschiedenen Paaren an den jeweiligen Orten präsentiert, so dass bei den durchgeführten Tests alle drei der oben genannten Klassifizierungen berücksichtigt wurden.

Beispiel: Aufnahmen von Paaren aus Pelon Altura wurden Paaren aus Pelon Altura als Töne aus dem selben, nicht weit entfernten Dialektgebiet präsentiert. Ebenfalls in Pelon Altura aufgenommene Duette wurden Paaren in Horizontes als Töne aus dem selben, allerdings weiter entfernt liegenden Dialektgebiet vorgeführt und in Pelon Bajura als Töne eines fremden Dialektes dargestellt. In Pelon Altura wurden hierbei die Reaktionen von 2 Paaren, in Horizontes von 5 Paaren und in Pelon Bajura von 4 Paaren ge- testet. Als zusätzlich getesteter Stimulus wurden die Duette eines Paares Weißstirnamazonen (Amazona albifrons) allen Testpaaren der jeweiligen Gebiete präsentiert.

Die Aufnahmen wurden über Lautsprecher, die von den Forschern in Bäumen befestigt worden waren, abgespielt und die Reaktionen der Testpaare auf die Tonaufnahmen analysiert und protokolliert. Durch verschiedene logistische Schwierigkeiten und Probleme bei der Erstellung möglichst exakter und klarer Lautaufnahmen war es den Forschern leider nicht möglich, die Anzahl der Aufnahmen und der Testpaare gleich zu halten.

Jede Aufnahme bestand also aus 2 Duetten, die den Testpaaren in der Nähe ihrer Nistplätze vorgespielt wurde. Zunächst wurde das erste Duett abgespielt und abgewartet, ob das Testpaar darauf reagierte. Erfolgte die Reaktion unmittelbar auf das erste ab- gespielte Duett, wurde dem Testpaar gleich im Anschluss das zweite Duett des Stimulus präsentiert. Erfolgte keine direkte Antwort auf das erste Duett, erfolgte das zweite nach einer Pause von 30 Sekunden. Die gesamte Dauer einer Präsentation betrug insgesamt 52 Sekunden.

Die Präsentationen der Tonaufnahmen erfolgten in den frühen Morgenstunden oder am späten Nachmittag, sobald sich die Test- paare in einer Entfernung von ca. 300 m zum Lautsprecher be- fanden.

Zur Dokumentation der Reaktionen wurden 3 Helfer postiert: Einer zur Dokumentation der Bewegungen und der Antwortrufe des Testpaares, ein Zweiter zum Abspielen der Aufnahmen und ein Dritter, der das Verhalten des Testpaares auf Video aufnahm, um anschließend auch die verschiedenen Bewegungsreaktionen analysieren zu können.
Die Forscher konnten zweierlei Arten von Reaktionen auf die aufgenommenen Töne feststellen: erstens die Lautäußerungs- und zweitens die Bewegungsreaktionen der gestesteten Paare, wobei bei der Bewegungsreaktion des Testpaares ein besonderer Augenmerk auf die Distanz, die die einzelnen Mitglieder des Paares zum Lautsprecher hielten, gelegt wurde. Die Lautäußerungs- reaktionen wurden in Schreie, als Teil des Aggressionsverhaltens dieser Spezies, Kontaktrufe und hervorge- rufene Duette zwischen den Mitgliedern des Testpaares, eingeteilt.
Die Testergebnisse ließen sich wie folgt zusammenfassen: Die Testpaare zeigten in keinem Fall Bewegungsreaktionen bei der Präsentation von Stimuli aus fremden Dialekten. Im Gegensatz hierzu wurden bei den Aufnahmen von Rufen des gleichen Dialektes, sowohl aus dem selben Gebiet als auch aus entfernteren Gebieten, starke Bewegungsreaktionen festgehalten. Bei der Präsentation von Rufen des gleichen Dialektes flogen die Test- paare teilweise über Distanzen von ca. 100 m bis auf eine Ent- fernung von ca. 10 m auf den Lautsprecher zu, und zwar bei 73 % aller Präsentationen von Rufen des selben Dialektes aus nahe liegenden Gebieten und bei 43 % aller Präsentationen von Rufen des selben Dialektes aus entfernteren Gebieten: Der Anflug auf den Lautsprecher könnte ebenfalls zum Aggressionsverhalten der Spezies gerechnet werden.

Die Lautäußerungsreaktionen zeigten sich ähnlich differenziert. Aggressive Antwortschreie wurden ausschließlich als Reaktion auf die Präsentation von Rufen des gleichen Dialektes gemessen und das bei 27 % aller Präsentationen von Rufen des selben Dialektes aus nahe liegenden Gebieten und bei 14 % aller Präsentationen von Rufen des selben Dialektes aus entfernteren Gebieten.

Die Präsentation von Rufen eines fremden Dialektes und von Rufen des Weißstirnamazonen-Paares führte in keinem Fall zu solchen Reaktionen der Testpaare. Die Äußerung von aggressiven Schreien ging mit dem gleichzeitigen Anflug des Lautsprechers einher. Tiere, die den Lautsprecher anflogen, erweckten bei den Forschern den Eindruck, als suchten sie die Quelle der Laute, mit denen sie konfrontiert wurden. Man beachte, dass gerade diese aggressiven Schreie von Amazonen generell eher selten ausgestoßen werden und wenn, immer nur dann, wenn es z. B. zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt.

Gelbnackenamazonen reagieren also ausgesprochen stark auf Ru- fe ihres eigenen Dialektes. Ihre Reaktionen sind demnach denen der bislang getesteten Singvögel sehr ähnlich: In der Vergangen- heit durchgeführte Experimente mit Singvögeln zeigten nämlich, dass viele männliche Tiere eines Paares sehr viel stärker auf „lokale“ Gesänge von anderen männlichen Vögeln reagieren als auf die Gesänge von männlichen Tieren aus anderen Dialekt- gebieten.

Abschließend können eigentlich nur zwei Vermutungen aufgestellt werden. Eine dieser Vermutungen wäre, dass die stärkeren Reaktionen auf Rufe des eigenen Dialektes darauf zurückzuführen sind, dass sie auf eine Art „Wiedererkennungseffekt“ zurück zu führen sind. Die Tiere erkennen somit die Rufe aus dem selben Dialektgebiet wieder und dieses Erkennen ruft ihrerseits die entsprechende Reaktion oder Antwort hervor. Fremde Dialekte bieten aufgrund ihrer andersartigen akustischen Struktur keine Antwortbasis für die Testtiere.

Die zweite Vermutung ist, dass die stärkeren Reaktionen auf Rufe des eigenen Dialektes darauf zurückzuführen sind, dass sie von potentiellen Konkurrenten geäußert werden. Alle Tiere, die auch der Verwendung des selben Lautdialektes unterliegen, stellen also eine Bedrohung im Kampf um Nahrung und Nistgelegenheiten dar. Paarduette dienen somit keineswegs nur der Paarbindung und der Kontaktierung benachbarter Nistpaare, sondern vor allem auch der

Verteidigung des „Revieres“ gegenüber eindringenden Vögeln.

Die bei diesem Forschungsprojekt mit den Gelbnackenamazonen durchgeführten Experimente geben zwar keine Antwort darauf, welche Vermutung für die verschiedenen Reaktionen ausschlag- gebend ist, jedoch spricht einiges dafür, dass die Testergebnisse die so genannte Verteidigungstheorie zumindest bei dieser Spezies untermauern.

Tanja Backhaus | 12.02.2004
(1)Pair Duets in the Yellow-Naped Amazon (Psittaciformes: Ama- zona auropalliata): Responses to Playbacks of Different Dialects, Timothy F. Wright & Melinda Dorin, Ethology 107, Seite 111 – 124, 2001
(Der Artikel erschien unter dem Titel ‚Gelbnackenamazonen – Ein- fluss von Rufdialekten auf die Paarkommunikation‘ erstmals im ‚Freiflug’, Nr. 8/2004 und wurde für die Veröffentlichung in ‘Papa- geienschutz aktuell’ überarbeitet.)

 

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