Papageienschutz aktuell-Beiträge

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Vogelarten vor dem Aussterben bewahrt

Im Jahre 1994 bestanden die Populationen der meisten vom Aussterben bedrohten Vogelarten aus weniger als 100 Tieren. Bei der Durchführung einer weltweiten Artenkontrolle ergab sich nach Aussage der Naturschützer ein Hinweis darauf, dass zumindest 16 Vogelarten auf Grund gemeinsamer Aktivitäten von Regierungen und Naturschützern gerettet werden konnten. Die Populationen einiger der schönsten und seltensten Vogelarten konnten sich so innerhalb eines Jahrzehntes wieder um das Zehnfache vergrößern.
Für die Naturschützer galt das Ergebnis der Artenkontrolle als Beweis dafür, dass die weltweite Minderung der Vogelbestände durch internationale Zusammenarbeit und entsprechende Finan- zierung gestoppt und teilweise sogar rückgängig gemacht werden konnte. Dennoch wiesen sie darauf hin, dass auf der Ebene der Staaten weltweit nach wie vor noch viel zu wenig unternommen wird, um den endgültigen Verlust unzähliger Vogelarten zu verhindern.
Dr. Stuart Butchart, dessen Studie im Journal Oryx (1) ver- öffentlicht wurde und ein Experte der britischen Vereinigung Bird Life International kamen zu der Feststellung:
„Diese Erfolge zeigen, dass es mit politischem Willen und gemeinsamen Aktionen möglich ist, das Aussterben zu verhindern. Wir müssen unsere Bemühungen beträchtlich ausdehnen, um die massive Einbuße der Artenvielfalt und jegliche Ausrottung von Arten in den kommenden Jahrzehnten zu verhindern.“

In seiner Studie beschäftigte sich Dr. Butchart mit 27 verschie- denen Vogelarten, die im Jahre 1994 als äußerst bedroht galten. Der Einsatz der Naturschützer hatte zum Ziel, die Vögel in den we- nigen Lebensräumen, in denen man sie entdeckt hatte, zu erhal- ten. Er setzte sich mit den Gefahren, denen die Tiere ausgesetzt waren, auseinander und ging nach einer vorhergehenden Be- standsaufnahme davon aus, dass 16 von den 27 beobachteten Arten bis zum Jahre 2004 ohne die Aktivitäten der Naturschützer längst ausgestorben wären. Auf Grund der Bemühungen wurde die Bestandsminderung jedoch rückläufig und in einigen Fällen wuchs die Population sogar an.
Ein Beispiel ist der Norfolk-Laufsittich (cyanoramphus novae- zelandiae cookii), eine Papageienart, deren Bestand 1994 soweit reduziert war, dass nur noch vier brütende weibliche Vögel und lediglich noch 28 männliche Tiere existierten. Die Vögel hatten auf Grund der Bebauung durch den Menschen ihren natürlichen Le- bensraum verloren und fielen außerdem Ratten, Wildkatzen und Krankheiten zum Opfer. Naturschützer riefen ein Projekt ins Leben, das den Schutz der Vogelnester und die Kontrolle der Raubtiere zum Ziel hatte. Eine Studie ergab, dass dadurch die Anzahl der Vögel bis zum Jahre 2004 wieder auf 300 Tiere angestiegen war.
Auch die Population des vom Aussterben bedrohten kalifornischen Kondors bestand 1994 nur noch aus neun Tieren. Inzwischen verfügt der Kondor wieder über einen Bestand von 128 Tieren.
Nach Informationen der Forscher trugen Schutzprojekte, Brut- programme und das Jagdverbot in den natürlichen Lebensräumen der Tiere zu ihrer Rettung bei. Durch ähnliche Naturschutzpro- gramme konnten noch weitere Arten vor dem Aussterben bewahrt werden.
Ana Rodrigues, Naturwissenschaftlerin an der Cambridge Univer- sität, veröffentlichte einen Kommentar zu dieser Studie in der Zeitschrift Science (2). Sie schreibt: “Die Hauptsache ist, dass wir entscheidenden Einfluss auf eine Sache nehmen. Für gewöhnlich betrachten wir nur die negativen Ergebnisse, die alles was wir tun nutzlos erscheinen lassen.“
Sie geht in ihrem Artikel der Frage nach, inwieweit die Be- mühungen der Naturschützer den Stand der Dinge im Bezug auf die Artenvielfalt messbar verändern. Ihrer Meinung nach bieten die Ergebnisse der roten Liste bedrohter Arten, herausgegeben von der IUCN (3), und der Studie von Dr. Butchart erstmals eine Möglichkeit, die Auswirkung von Naturschutzprojekten auf die Artenvielfalt zu bewerten. Hier stellt der Vergleich zwischen den tatsächlich beobachteten Veränderungen in der Artenvielfalt und der vorhergesagten Entwicklung im Fall von ausbleibenden natur- schützerischen Tätigkeiten einen brauchbaren Ansatz dar. Der optimale Fall wäre natürlich die Stabilisierung der Artenvielfalt durch Naturschutzprojekte, jedoch wäre es laut Rodrigues rea- listischer, den tatsächlichen Erfolg dieser Projekte in der Verlang- samung der durch den Menschen verursachten Artenminderung zu sehen.
Die Rote Liste der IUCN aus dem Jahr 2006 zeigt auf, dass 135 Vogelarten seit 1500 ausgelöscht wurden. Die Anzahl der Verluste stieg im 19. Jahrhundert auf 49 Arten pro Jahrhundert an, fiel aber von 1901 bis 2006 scheinbar auf 43 Arten ab. Dies aber als Beweis für den Rückgang des menschlichen Einflusses auf den Lebens- raum der Vögel zu interpretieren wäre falsch, so Rodrigues, denn dies ist eher auf die Zeitverzögerung zwischen dem Verschwinden einer Art und der Bestätigung ihres Aussterbens zurückzuführen. Damit eine Art als „ausgestorben“ in die rote Liste der IUCN aufge- nommen wird, müssen umfassende Forschungen in den Lebens- räumen der Tiere über einen festgelegten Zeitraum hinweg be- trieben werden, die Aussagen über den Lebens-Zyklus und die Lebensform der Art ermöglichen. Dabei muss vermieden werden, dass eine Art aufgegeben wird, obwohl ihre Erhaltung noch möglich wäre. Aus diesem Grund bezeichnen Artenschützer eine Art nicht als ausgestorben, solange es noch die geringste Chance gibt, sie zu retten. 15 Vogelarten wurden als „extrem gefährdet (möglicher- weise schon ausgestorben)“ in die Rote Liste der IUCN auf- genommen, was auf einen Aufwärtstrend der Sterblichkeitsrate hinweist.

Butchart und seine Kollegen lieferten mit ihrer Arbeit den noch fehlenden Anteil, der zur Bewertung der Auswirkungen von Natur- schutzprojekten erforderlich ist. Basierend auf Daten hinsichtlich der Populationsgrößen, Entwicklung der Populationen, Gefähr- dungspotential und Naturschutz-Aktivitäten identifizierten sie zu- mindest 26 Vogelarten, die in der freien Natur überlebten. Diese Arten wären wahrscheinlich ausgestorben, wenn es keine Natur- schutzprogramme gegeben hätte. Vier weitere Arten gelten zu- mindest in ihrem ursprünglichen Lebensraum als ausgestorben und eine extrem bedrohte Art existiert in der freien Natur wahr- scheinlich gar nicht mehr, wird aber möglicherweise durch Zucht- programme erhalten. Diese 31 Vogelarten bilden einen Maßstab des Erfolges, mit dem weltweiter Naturschutz das Artensterben verhindert hat.
Jedoch gibt es trotz der Erfolge, so Rodrigues, noch längst keinen Grund für Zufriedenheit, denn nach wie vor sind die geretteten Vogelarten einem erheblichen Risiko ausgesetzt, doch noch aus- zusterben. Weitere Bemühungen von Seiten der Naturschützer wie Schutz der Lebensräume, Kontrolle der Raubtiere, Zucht und Um- siedlung sind dringend erforderlich, um jede dieser Vogelarten zu erhalten.
Um sämtliche vom Aussterben bedrohte Arten zu erhalten, müs- sten den Naturschützern weltweit massenhaft Hilfsmittel zur Ver- fügung gestellt werden. Von den Vögeln sind 1210 Arten als bedroht gelistet. Die Populationen von 217 extrem gefährdeten Vogelarten sind nur auf einzelne Gebiete begrenzt und können dadurch sehr schnell aus dem Blickfeld der Naturschützer ver- schwinden. Falls keine weitgreifenden Maßnahmen getroffen werden, wird die Anzahl der ausgerotteten Arten laut Rodrigues in Zukunft sehr schnell ansteigen. Dennoch betrachtet sie die Na- turschutz-Aktivitäten letztendlich als positiv:
„Nichtsdestotrotz ist es ermutigend, dass Vogelschutz-Aktionen weltweit einen beachtlichen Einbruch in die trostlose Szenerie des Artensterbens bewirkt haben. In vielen Fällen spielt der Zeitfaktor eine wichtige Rolle, denn wenn eine Art überlebt, besteht Hoffnung auf ihren Aufschwung in der Zukunft. Ist sie aber einmal ausgestorben, ist dies endgültig.“
Der Druck, den Naturschützer international auf die Regierungen ausüben, fördert zwar in Gebieten, in denen sich geschützte Vo- gelarten befinden, den Anstieg der Spendengelder. Jedoch warnen Experten, dass dies noch längst nicht ausreicht, um die Arten- vielfalt weltweit vor der Bedrohung durch den Eingriff des Men- schen in die natürlichen Lebensräume zu schützen. Die 16 Vogel- arten, die auf Grund der Studie als „gerettet“ gelten, repräsen- tieren lediglich 1,3 % aller vom Aussterben bedrohten Arten. Mindestens die Hälfte (ca. 45 %) aller gefährdeten Arten unterliegt seit 1994 einer Bestandsverminderung.
Eine Studie der Duke University’s Nicholas School für Umwelt- und Geowissenschaften kam zu dem Ergebnis, dass ohne schädigende Einflussnahme durch den Menschen nur eine Vogelart pro Jahr- hundert verloren gehen würde. Stattdessen aber geht mittlerweile eine Vogelart pro Jahr verloren
Setzt sich die derzeitige Entwicklung weiter fort wie bisher, könn- ten gegebenenfalls mehr als 1200 verschiedene Vogelarten im Verlauf des 21. Jahrhunderts aussterben.
Ein weiterer Faktor, der als Bedrohung für die Artenvielfalt zu sehen ist, ist die Wirkung, die eine Vogelart auf den Menschen hat. Farbenprächtige Tiere wirken positiver auf Naturschützer und ebenso auf freigiebige Spender als andere. Experten warnen da- vor, dass viele Vogelarten mit unscheinbarem Aussehen gefährdet sind, da sie nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten.
Laut Butchart verleiten die Vögel mit entsprechendem Aussehen eher zu Spenden von Geldmitteln und Unterstützung von Seiten der Öffentlichkeit und der Naturschützer. Teilweise kann man diesen Tieren aber auch leichter helfen, weil sie oftmals auf Inseln leben und daher nicht so sehr durch den Eingriff des Menschen in ihren natürlichen Lebensraum gefährdet sind, wie die auf dem Festland lebenden Tiere. Der Einsatz von Hilfsmitteln und Natur- schutz-Aktivitäten muss aber generell ausgedehnt werden.
Vogelarten, die als besonders gefährdet eingestuft werden aber „nicht so prächtig aussehen“ sind unter anderem der Regenpfeifer in Nord-Amerika, die Hawaiianische Krähe und der weiße indische Geier. Während es unzählige Wohltätigkeitsveranstaltungen zu Gunsten des Papageienschutzes gibt, existieren nur wenige, die beispielsweise dem Geier gewidmet sind.
Amerikanische Naturschützer sind empört, dass das Raufußhuhn nicht auf der Liste der bedrohten Arten zu finden ist. Sie be- mängeln, dass es auf der Liste fehlt, weil es nicht denselben Anreiz bietet wie ein bunter exotischer Vogel.
Anke Tholl | 09.05.2007
Quellen:
(1) S.H.M. Butchart, A. J. Stattersfield, N. J Collar, Oryx 40 (2006)
(2) Ana S. L. Rodrigues, Are Global Conservation Efforts Successful? (Science Vol 313, 1051-1052, 2006)
(3) International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN), IUCN Red List of Threat-ened Species, 2006

 

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