Papageienschutz aktuell-Beiträge

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Graupapageien – bloße Nachahmer?

Obwohl die Fähigkeit von Primaten mit Menschen zu kom- munizieren bereits weitreichend erforscht wurde, bestand eine Zeit lang wenig Interesse daran, die Fähigkeit von Vögeln, an einer verbalen Kommunikation mit Menschen teilzunehmen, zu erfor- schen. Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass sie in erster Linie als bloße Nachahmer betrachtet wurden. Allerdings haben mittler- weile viele verschiedene Forschungsprojekte besonders an Grau- papageien (psittacus erithacus) und Beos (gracula religiosa) ge- zeigt, dass ihr Sprachverhalten äußerst komplex ist. Ihre sprach- liche Entwicklungsfähigkeit ähnelt in den verschiedenen Entwick- lungsstufen in vielerlei Hinsicht denen von Kindern.

Das Ziel der im Folgenden beschriebenen Studie war es, die Frage zu beantworten, ob ein Graupapagei dazu fähig ist, die mensch- liche Sprache nachzuahmen und die erlernten Nachahmungen in bestimmten Situationen anzuwenden, um verschiedene Objekte zu identifizieren und hinsichtlich ihrer Farbe und Form zu klassi- fizieren, sie zu fordern oder abzulehnen und ob er in der Lage ist Fragen zu verstehen.

Die Forscher entschieden sich zur Durchführung dieser Studie im Jahre 1981 für einen Graupapageien, weil Forschungen zum in- telligenten Verhalten bei Vögeln in der Vergangenheit größtenteils bei eben dieser Spezies durchgeführt wurden und Graupapageien außerdem die besten Voraussetzungen dafür mitbringen, dass die Studie im Sprach-Modus durchgeführt werden kann.

Das Forschungsprojekt wurde mit dem Graupapageien Alex durch- geführt, der im Alter von 13 Monaten in einer Chicagoer Zoohand- lung gekauft wurde. Das Labor, in dem die Forschungen durch- geführt wurden, war so stimulierend wie möglich für das Tier aus- gestattet. Er schlief in einem Standard-Papageienkäfig, hatte aber ansonsten die Möglichkeit, sich frei im Raum zu bewegen. Spiel- zeug und Futter standen ihm jeweils phasenweise zur Verfügung. Die Auswahl der Trainings-Objekte verlief so, dass der Papagei ständig mit allen möglichen Objekten konfrontiert wurde. Die For- scher entschieden sich dann für die Objekte als Trainingsex- emplare, die der Papagei entweder gerne anknabberte oder sich mit ihnen kraulte bzw. kratzte. Diese wurden aus Gründen der Klassifizierung in verschiedene Formen geschnitten und/oder ge- färbt. Diese Studie legte den Trainingsschwerpunkt also auf Ob- jekte, für die der Papagei sichtliches Interesse zeigte. Zwar wurde er für „erfolgreich bestandene“ Aufgaben belohnt, jedoch niemals mit Futter. Bezeichnungen für Futter-Objekte erlernte Alex außer- halb der offiziellen Trainings-Zeiten.

Zu den zwei verschiedenen Trainingsverfahren, die angewandt wurden, ist Folgendes zu sagen:

Eines der Verfahren basiert auf der von Todt entwickelten M/R- Technik (M = model/Modell, R = rival/Rivale), bei der zwei Trainer eingesetzt werden. Sie wurde hier angewandt, da die von Todt mit dieser Methode trainierten Vögel innerhalb kürzester Zeit relativ viele Lautäußerungen erlernten. Anders als bei der von Todt ent- wickelten Methode tauschten bei diesem Projekt die beiden Trainer jedoch die Rollen.

Ein Test auf Grundlage der M/R-Technik wurde wie folgt aufgebaut: Alex wurden von einem Trainer verschiedene Objekte mit der Bitte um Identifikation „Was ist das?“ („What’s this?“) gezeigt und der Vogel musste die korrekte Antwort formulieren, während sich der zweite Trainer in einem anderen Teil des Raumes aufhielt, so dass er nicht sehen konnte, welches Objekt dem Vogel jeweils gezeigt wurde. Hatte der Vogel nun die Antwort auf die gestellte Frage gegeben, wiederholte der zweite Trainer das, was er verstanden hatte. War die von ihm geäußerte Antwort korrekt, wurde das Tier gelobt und ihm wurde das Objekt zum Spielen überlassen. Bei falschen oder unklaren Identifikationen wendete der fragende Trainer den Kopf ab, entfernte das Objekt aus Alex’ Blickfeld und sagte „Nein.“ („No.“). Die Präsentation des Objektes wurde so lange wiederholt, bis der Papagei die korrekte Antwort gab. Er sollte also eine korrekte Identifikation mit einer Belohnung ver- binden, die er schneller bekam, wenn er das Objekt gleich richtig identifizierte.

Das andere angewandte Verfahren, das die Verbesserung der Aussprache zum Ziel hatte, wurde von einem einzelnen Trainer durchgeführt. Alex wurde ein Objekt immer wieder unter Stich- wortgabe präsentiert und solange vorenthalten, bis er etwas äus- serte, was der korrekten Bezeichnung ähnelte. Dann erst wurde ihm das Objekt überlassen. Unter der Stichwortgabe ist zu ver- stehen, dass z. B. im Falle des Testexemplares Papier (paper) das Tier mit Sätzen wie „Hier ist das Papier.“ („Here’s the paper.“) oder “Sieh das Papier.“ („See the paper.“) ständig konfrontiert wurde, wobei das Wort Papier (paper) absichtlich am Ende des Satzes placiert wurde, um es besonders hervorzuheben und zu betonen.

Ob ein neues Objekt in einen Identifikationstest aufgenommen werden konnte, entschied sich immer anhand der Klarheit, mit der Alex seine Bezeichnung äußerte, d. h. er musste den neuen Begriff so deutlich formulieren, dass er von einem Trainer verstanden werden konnte. In die Tests waren also nur die Objekte einge- bunden, deren Bezeichnungen Alex verständlich äußern konnte.

Um die so genannte „unbewusste Stichwort-Gebung“ zu vermei- den, wurden die eingesetzten Trainer jeweils im Wechsel in ver- schiedene Gruppen eingeteilt, z. B. für Aufnahme-Sitzungen, Trainings- und Testdurchführung, denn der Papagei sollte sich nicht auf die Präsentations-Art eines bestimmten Trainers fixieren. Pro- blematisch erwiesen sich allerdings immer die Test-Situationen, in denen Trainer eingesetzt wurden, die dem Tier fremd waren. Dann zeigte Alex Verhaltensweisen wie lautes Schreien und er verwei- gerte die gewünschten Antworten.

Ergebnisse

Die Studie ergab, dass der Graupapagei nach einem 26-monatigen Training ein Vokabular aufwies, das aus insgesamt drei Farb- adjektiven (Rosa/rose, Grün/green und Blau/blue), zwei Formen beschreibende Ausdrücken (dreieckig/three-corner und viereckig four-corner) sowie neun Substantiven (Papier/paper, Schlüs- sel/key, Holz/wood, Haut / hide, Wäscheklammer/peg wood, Kork/cork, Korn/corn, Nuss/nut und Nudeln/pasta) bestand. Er war in der Lage, mehr als 30 Objekte zu identifizieren und zu be- zeichnen, sie zu erbitten oder abzulehnen. Alex zeigte nicht nur die Fähigkeit, diverse Objekte zu kategorisieren, sondern er konnte auch den Gebrauch der Bezeichnungen von Gegenständen so erweitern, dass selbst die Objekte, die sich von den Übungs- modellen leicht unterschieden (z. B. dadurch, dass er sie angekaut hatte oder ihre Färbung leicht variierte), korrekt identifiziert wurden. Des Weiteren war er in der Lage das Wort Nein (No) funk- tionell anzuwenden. Die Anzahl der korrekten Antworten in den Tests lagen zwischen 78 % und 83 %. Die häufigsten Fehler, die Alex machte, bestanden in der Auslassung von Farb- oder Form- adjektiven bzw. in der unklaren Aussprache der Farbadjektive.

Im Durchschnitt dauerte es 1 – 2 Monate bis Alex nach dem ersten Kontakt mit einem Objekt seine Bezeichnung äußern konnte. Die Entwicklung und der Fortschritt seiner Aussprache gleicht sehr der von Kleinkindern. Seine Erstversuche, bestimmte Wörter auszu- sprechen, ähnelten der korrekten Bezeichnung zuerst nur sowohl in der Länge als auch im Tonfall. Teilweise „erfand“ er auch eigene Lautäußerungen für bestimmte Objekte. Besondere Probleme bei der Aussprache bereiteten ihm Schlusskonsonanten. Auch die dem Papageien gestellte Frage nach Farbadjektiven rief des Öfteren Diskussionen unter den verschiedenen Trainern hervor, weil sie nicht übereinstimmend identifiziert werden konnten.

Alex scheint nach Aussage der Forscher generell weniger an den Farben als an den Objekten an sich interessiert zu sein, da er farbige Objekte im Zusammenhang auch eher selten z. B. zum Spielen fordert. Der funktionelle Gebrauch des Wortes Nein (No) stellt generell eine sehr fortgeschrittene Stufe einer jeden Sprach- entwicklung dar.

Alex zeigte bereits lange bevor er das Wort Nein (No) formulieren und anwenden konnte, in bestimmten Situationen deutlich seinen Unwillen durch Schreien und Beißen, wenn er beispielsweise nicht angefasst werden wollte. Wenn ein Trainer ihm ein unerwünschtes Spielzeug anbot, nahm er es zwar an, schleuderte es ihm aber anschließend wieder entgegen.

Jedesmal, wenn er ein Objekt falsch identifizierte und bezeichnete, sagte der Trainer zu Alex „Nein.“ („No.“), bis er in der zweiten Hälfte des Projektes anfing, dieses Wort selbst zu formulieren.

Zuerst äußerte er „Nuh“, was sich wie eine Komposition aus den Wörtern No (Nein) und Nut (Nuss) anhörte und zwar äußerte Alex es immer dann, wenn er nicht berührt werden wollte. Im weiteren Verlauf der Sitzungen ersetzte Alex schließlich seine vorherigen Reaktionen, um Unwillen zu demonstrieren, durch Äußerung des Wortes Nein (No). Nicht gewünschte Spielzeuge und Futterstücke lehnte er ebenfalls durch diese Äußerung ab. Alex verwendete das Wort Nein (No) also als Mittel, um Ablehnung zu äußern.

In diesem Projekt wurden die getesteten Objekte ausschließlich durch unterschiedliche Formen und Farben kategorisiert. Alex war in der Lage, die Farbe von ihm unbekannten Objekten (z. B. grüne Plastikklammern/green plastic clips, blaue Wolle/blue whool) zu identifizieren, das heißt völlig unabhängig vom jeweiligen Objekt. Auf die Frage „Welche Farbe?“ („What color?“) antwortete er be- reits beim ersten Versuch korrekt. Selbst, wenn er bei ihm be- kannten Objekten darum gebeten wurde, ihre Farbe/Form zu- sammen mit den Namen der Objekte zu nennen und er die Farb-/Formbezeichnung ausließ, erhielten die Trainer auf die nach- träglich gestellte Frage „Welche Farbe?“ („What color?“) oder “Welche Form?” („What shape?“) die korrekte Antwort von Alex. Er versteht folglich die Bedeutung dieser Fragen. Probleme bereitete es ihm allerdings, wenn er bei einer Kombination aus Farbe/Form und Objektname, beides, sowohl die Farbe als auch die Form benennen sollte: Hier lag seine größte Fehlerquelle.

Alex’ Äußerungen verschiedener Objektbezeichnungen geschahen völlig unabhängig von deren Identifikation. Er benutzte diese Äus- serungen, wenn er ein bestimmtes Objekt wünschte, um damit zu spielen oder um es zu fressen. Oftmals rief der Vogel auch nach einem bestimmten Exemplar, gab ihm der Trainer dann ein an- deres, wies er es unter Äußerung von „No“ zurück. So forderte er auch präferierte Futterobjekte, wie z. B. eine Nuss (Nut), außer- halb der offiziellen Trainings- und Testphasen. Hatte er vielleicht eine Wäscheklammer (peg wood) erbeten und auch vom Trainer erhalten, kam es vor, dass er kurze Zeit später andersfarbige Wäscheklammern, die er außerhalb seiner Reichweite entdeckte, forderte. Dann fragte er den Trainer nach grünen (green) oder blauen (blue) Wäscheklammern (peg wood).

Die Frage, ob Alex dazu in der Lage ist, zu segmentieren, kann noch nicht eindeutig beantwortet werden, da sein Vokabular dazu zu klein ist. Die Segmentationsfähigkeit besagt, inwieweit das Tier in der Lage ist, die einzelnen Wörter seines Vokabulars als einzelne, eigenständige und somit auch untereinander aus- tauschbare Einheiten zu sehen und zu verwenden:

Die Forscher trainierten Alex zuerst auf den grünen Schlüssel (green key) und auf grünes Holz (green wood). Als nächstes prä- sentierte man ihm unter Anwendung der M/R-Technik das Objekt grüne Haut (green hide), die von ihm zwar zuerst nur als Haut (hide) bezeichnet wurde, nach wenigen Versuchen jedoch als grü- ne Haut (green hide). Bei der nachfolgenden Präsentation einer grünen Wäscheklammer (green peg wood) beantwortete Alex die Frage „Was ist das?“ („What’s this?“) mit „grünes Holz, Wäsche- klammer“ („green wood, peg wood“) und zwar ließ er die Wörter dabei so ineinander fließen, dass sich die Äußerung wie ein Begriff anhörte, der aus zwei Wörtern bestand. Er versuchte, dieses neue Objekt zu identifizieren, indem er die Ausdrücke miteinander verband, die bereits zu seinem Vokabular gehörten.

Rosa Papier (rose paper) bezeichnete der Vogel zuerst als rosa Haut (rose hide) und etwas später dann als Papier (paper). Die darauf folgende Frage „Welche Farbe?“ („What color?“) wurde korrekt mit „Rosa“ („rose“) beantwortet. Auf die nächste Frage „Was ist rosa“? („Rose what?“) antwortete Alex mit „Rosa Papier“ („rose paper“), wobei der Vogel zwischen beiden Wörtern eine Pause einlegte.

Die Forscher stellten ein weiteres interessantes Vorgehen des Pa- pageien fest, als es darum ging, dass er Formadjektive äußern sollte. Wenn ihm ein dreieckiges Stück Haut (three-corner hide) gezeigt wurde, sagte er „dreieckiges Papier“ („three-corner pa- per“). Erst nachdem die Trainer ihm das Stück Haut für eine Weile zum Anknabbern überlassen hatten, gab er auf die wiederholte Frage die korrekte Antwort „dreieckiges Stück Haut“ („three-corner hide“).

Alex hat sich also sozusagen eine elementare Sprachform ange- eignet, so dass er in der Lage ist, an einer Art Kommunikation mit Menschen teilzunehmen. Gewiss soll nicht die Behauptung aufge- stellt werden, Alex verfüge über eine Art Einsicht, wie sie bei Menschen beim Gebrauch ihrer Sprache üblich ist. Jedoch kann an- dererseits auch nicht festgestellt werden, wie hoch das Maß seiner verbalen und kognitiven Fähigkeiten tatsächlich ist. Fest steht, Alex ist nicht nur ein bloßer Nachahmer.

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Alex und Irene Pepperberg sind vielen Menschen aus zahlreichen Berichten in den Medien bekannt. Alex gilt als der „berühmteste“ Graupapagei der Welt, dessen Fähigkeiten weithin bekannt sind. Das beschriebene Forschungsprojekt ist nur eines von vielen, die Irene Pepperberg mit ihm durchgeführt hat.

Es ist erforderlich, noch einmal ausdrücklich zu erwähnen, dass Papageien in ihren natürlichen Siedlungsgebieten in Schwärmen oder zumindest paarweise zusammen leben. Natürlich wurde Alex nicht mit Artgenossen zusammen gehalten, weil diese Lebensweise bei dem Projekt die Fixierung auf seine Trainer geschwächt hätte, außerdem sollten die Ergebnisse zum Erwerb menschlichen Voka- bulars nicht verfälscht werden, indem er mit Artgenossen zusam- menlebte, die er ebenfalls hätte nachahmen können. Der ständige Kontakt mit Artgenossen hätte des Weiteren sein arteigenes Laut- äußerungsrepertoire gestärkt und erweitert. Man wird die Haltung dieses Vogels als Forschungsobjekt in jedem Fall sehr kritisch beurteilen müssen.

In vielen Fernsehbeiträgen kann man sehen, dass das Brust- und Bauchgefieder des Vogels stark gerupft ist. Ist Alex’ Federrupfen seine Reaktion auf die Haltungsbedingungen, denen er ausgesetzt ist? Diese Selbstzerstörung zeugt in jedem Fall davon, dass der Vogel unter einer physischen oder psychischen Störung leidet.

Natürlich ist es wichtig solche Forschungsprojekte durchzuführen, um das Wissen über diese Tiere zu fundieren und ihr Verhalten und ihre Fähigkeiten zu dokumentieren, aber um welchen Preis?

T. Backhaus | 21.08.2003
Quellen:
Functional Vocalizations by an African Grey Parrot (Psittacus eri- thacus), Irene M. Pepperberg, Zeitschrift für Tierpsychologie 55/ 1981, S. 139 – 160.
(Der Artikel erschien unter dem Titel “Graupapageien – bloße Nachahmer‘ erstmals im ‚Freiflug’, Nr. 7/2003 und wurde für die Veröffentlichung in ‘Papageienschutz aktuell’ überarbeitet.)

 

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