Papageienschutz aktuell-Beiträge

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Wild lebende Graupapageien – wie lange noch?

Sind wildlebende Graupapagei-Populationen vom Aussterben be- droht? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage lässt sich zurzeit offenbar nicht geben; aber die Vermutung scheint nicht unbe- rechtigt zu sein, dass diese Frage schon bald mit einem ‚Ja’ beantwortet werden muss.
Spencer K. Lynn von der Universität in Tuscon, Texas (USA), der Graupapageien-Populationen im Süden von Kamerun erforscht hat, schreibt zu diesem Problem: „Graupapageien sind wie alle Pa- pageien in die CITES-Anhänge aufgenommen worden, so dass der Handel mit ihnen reguliert ist. Aber, obwohl Graupapageien häu- figer vorkommen als einige kritisch gefährdete Neue-Welt-Papageien, ohne ein genaues Wissen über ihre Geburtsraten und über die Muster ihrer Wanderbewegungen, sind sie anfällig für die Überausbeutung durch die legale Handelspraxis. Graupapageien werden von Zentralafrika jährlich zu Zehntausenden exportiert und es ist schwierig zu glauben, dass ein sich vermutlich langsam ver- mehrender Vogel mit einer Verbreitung, die ganz offensichtlich politische Grenzen überschreitet, einer Ausbeutung in einer sol- chen Größenordnung standhalten kann.“(1)
Die Größenordnung, in der sich die legale Ausbeutung der Grau- papageien-Populationen bewegt, lässt sich den beiden folgenden Tabelle entnehmen:

wild lebende Graupapageien

Nicht nur die absoluten Exportzahlen sind erschreckend hoch, son- dern vor allem auch der Anstieg des Exportes zwischen 1994 und 1999 um 46% (!). Dieser Anstieg ist auf den bereits genannten Umstand zurückzuführen, dass seit 1998 west- und zentralafrikanische Staaten, die bis dahin nur unwesentlich oder gar nicht am internationalen Handel mit Wild-Graupapageien teil- genommen hatten, ihr Interesse an diesem Handel deutlich ge- macht und ihre Exportanteile entsprechend massiv erhöht haben. Auch wenn die Exportzahlen für die Jahre 2000 und 2001 noch nicht berücksichtigt werden konnten, so lässt sich aus den für diese beiden Jahre festgelegten weiterhin hohen Exportquoten jedoch schließen, dass eine Verringerung der Exportzahlen nicht eingetreten sein dürfte. Der Export von Wild-Graupapageien steigt natürlich nur, weil auch eine entsprechende Nachfrage nach diesen Tieren vorhanden ist. Und diese Nachfrage ist vor allem in den EU-Staaten gegeben. Von den 119.371 Wild-Graupapageien, die zwischen 1996 und 1999 aus Zentralafrika exportiert wurden, importierten die EU-Staaten 110.217 , also 92 % (2).

Statistiken zum Export von Kongo-Graupapageien (Psittacus erithacus erithacus) und
Timneh-Graupapageien (Psittacus erithacus timneh)
(3)

Tabelle I: bewilligte Exportquoten 1994-2001

1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001
Burundi 0 0 0 0 0 0 0 0
Kamerun 12000 12000 12000 12000 12000 12000 12000 12000
Elfenbeinküste 0 0 0 0 2000 2000 0 2500
Kongo (DRC) 0 10000 10000 10000 10000 10000 10000 10000
Gabun 0 0 0 0 0 500 500 200
Ghana 0 0 0 0 0 0 0 0
Guinea 450 450 450 450 450 450 450 450
Liberia 0 0 0 0 0 2500 2500 3000
Republik Kongo 0 0 0 0 0 0 6000 6000
Sierra Leone 0 0 0 1000 1000 1000 1000 2000
Gesamt 12450 22450 22450 23450 25450 28450 32450 36150

Tabelle II: tatsächliche Exporte 1994-1999

1994 1995 1996 1997 1998 1999 Gesamt
Burundi 0 0 0 0 0 0 0
Kamerun 11602 15743 21266 767 12545 15220 77143
Elfenbeinküste 9 9 11 28 12 302 371
Kongo (DRC) 13380 10325 10677 10754 12733 17480 75349
Gabun 25 31 20 6 29 3 114
Ghana 0 0 0 0 0 0 0
Guinea 843 303 556 916 491 700 3809
Liberia 0 0 0 0 2300 2600 4900
Republik Kongo 35 4 1 299 3085 1070 4494
Sierra Leone 890 0 2000 500 2100 900 6390
Gesamt 26784
26415
34531
13270
33295
38275
172570

In der Tabelle I sind für die Jahre 1994 bis 2001 die Exportquoten für Wild-Graupapageien wiedergegeben, die von den west- und zentralafrikanischen Staaten, die diese Vögel exportieren, in ihrer Eigenschaft als CITES-Vertragsstaaten jeweils mit Billigung der internationalen CITES-Einrichtungen festgelegt wurden. Es zeigt sich, dass die Gesamt-Exportquote zwischen 1994 und 2001 stetig angestiegen ist und im Jahre 2001 nahezu um das Dreifache grös- ser war als im Jahr 1994. Der Grund für diese Entwicklung ist offensichtlich: Seit 1998/1999 drängen afrikanische CITES-Ver- tragsstaaten, die auf ihrem Staatsgebiet beheimatete Bestände an wild lebenden Graupapageien bis dahin wirtschaftlich nicht genutzt haben oder nicht nutzen konnten, wie z.B. Liberia, Sierra Leone und die Elfenbeinküste, verstärkt auf eine angemessene Teilhabe am lukrativen internationalen Handel mit Wild-Graupapageien und sichern sich zu diesem Zweck entsprechende CITES-Export- quoten. Nur die Staaten Burundi und Ghana, die den Export von Graupapageien zum Schutz der einheimischen Bestände vor dem Aussterben seit 1992 untersagen, haben sich dieser Entwicklung – bislang – nicht angeschlossen.

Die Tabelle II gibt die Anzahl der Wild-Graupapageien wieder, die zwischen 1994 und 1999 tatsächlich exportiert wurden. Insgesamt wurden in dieser Zeit 172.570 Wild-Graupapageien (einschließlich Timneh-Graupapageien) exportiert; 88% dieses Exportes entfallen allein auf die beiden Staaten Kamerun und Demokratische Repu- blik Kongo. Um die Auswirkungen dieser massiven Exporte auf die Populationen wild lebender Graupapageien ermessen zu können, muss immer berücksichtigt werden, dass erheblich mehr Vögel gefangen werden müssen, weil eine sehr große Anzahl der Vögel den Fang, die sich anschließenden Inlandstransporte oder die Haltung bei den einheimischen Händlern nicht überleben. Um einen aus seinem natürlichen Lebensraum geraubten Vogel exportieren zu können, müssen etwa 3 bis 4 Vögel gefangen werden, weil davon 2 bis 3 Tiere nicht bis zum Export überleben.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Bestände wild lebender Graupapageien in der Zeit zwischen 1994 und 1999 für den internationalen Handel um weit mehr als 500.000 Vögel dezi- miert worden sind.

Die Tabellen zeigen weiterhin, dass die Wild-Graupapageien ex- portierenden Staaten in der Zeit zwischen 1994 und 1999 die von ihnen als CITES-Vertragsstaaten jährlich selbst festgelegten Ex- portquoten in der Regel überschritten haben, und zwar zum Teil in erheblichem Umfange. Lediglich Kamerun, das 1996 die fest- gelegte Exportquote für Wild-Graupapageien von 12.000 Exem- plaren um 77% (!) überschritt, musste seitens der internationalen CITES-Einrichtungen eine entsprechende Verminderung seiner Exportquote für das Jahr 1997 und damit einen weitgehenden Ausschluss vom Handel mit Wild-Graupapageien hinnehmen.

Aus der Tatsache, dass sich derartige Überschreitungen Jahr für Jahr wiederholt haben, kann nur geschlossen werden, dass die internationalen CITES-Einrichtungen dagegen entweder gar nicht oder nur erfolglos vorgegangen sind.

Ungeachtet der Tatsache, dass im Rahmen der CITES festgelegte Exportquoten offenbar nur sehr bedingt eine den Handel mit Wild- Graupapageien regulierende Wirkung haben, stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage ihre Festlegung erfolgt, wenn es so ist, wie Spencer K. Lynn ausführt, ein genaues Wissen über die Geburten- rate und über die Wanderungsbewegungen dieser Papageienart in ihren natürlichen Lebensräumen nicht existiert. Der Verdacht liegt nahe, dass ausschließlich wirtschaftliche Gesichtspunkte für die Festlegung der Quotenhöhe maßgebend sind, wenn sie über Jahre hinweg stereotyp auf jährlich 12.000, 10.000 oder 6.000 fest- gesetzt werden.
Über das Schicksal wild lebender Graupapageien-Populationen ent- scheidet natürlich nicht nur der internationale Handel, in den auch immer der illegale Handel, der in den zentral- afrikanischen Staa- ten aufgrund der dort häufig herrschenden instabilen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ein günstiges Umfeld findet, einbezogen werden muss, sondern ganz wesentlich auch das Aus- maß des Raubbaus am afrikanischen Regenwald, wodurch die wild lebenden Graupapageien-Populationen ihren Lebensraum ver- lieren. Aber die Entwicklung des internationalen Handels mit Wild- Graupapageien hat einen wesentlichen Anteil am Schicksal der wild lebenden Graupapageien. Wie sich dieser Anteil entwickelt, hängt – wie sich gezeigt hat – nahezu ausschließlich von der Nachfrage in den EU-Staaten ab, also vom Kaufverhalten der an Graupapageien interessierten EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern. Es liegt ganz allein in ihrer Hand und in ihrer Verantwortung, ob die Graupapageien in ihren west- und zentralafrikanischen Lebensgebieten eine Chance zum Überleben haben.

H.H.Braune | 25.08.2002
(1) Spencer K. Lynn; Studying Grey Parrots in Southern Ca- meroon, in: CYGNUS Review, Frühjahr 2000
(2) UNEP World Conservation Monitoring Centre; European Community net imports of wild parrots, 1996 to 2001, Cambridge 2001
(3) History of Species Reviewed under Resolution Conf. 8.9 (Rev.); Part 1: Aves; Species Survival Network, Washington 2001
(Der Artikel erschien unter dem Titel ‚Wild lebende Graupapageien – wie lange wird es sie noch geben‘ erstmals im ‚Freiflug’, Nr. 4-5/2002 und wurde für die Veröffentlichung in ‘Papageienschutz aktuell’ überarbeitet.)

 

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